Phishing war schon immer ein Spiel mit Vertrauen. 2026 ist dieses Spiel deutlich härter geworden, weil Angreifer KI nutzen, um schneller, glaubwürdiger und über mehr Kanäle gleichzeitig zu täuschen. Früher konntest du viele Betrugsversuche an holpriger Sprache, generischen Anreden oder offensichtlich falschen Absendern erkennen. Heute erzeugen Systeme Texte, Stimmen und sogar Videos, die sich anfühlen, als kämen sie wirklich von Kolleginnen, Vorgesetzten, Banken oder Behörden.
Der entscheidende Unterschied ist nicht nur, dass KI Inhalte besser formuliert. KI verändert den gesamten Ablauf eines Angriffs: von der Auswahl der Zielperson über die perfekte Geschichte bis hin zur Anpassung in Echtzeit, wenn du skeptisch wirst. Und genau deshalb reicht es 2026 nicht mehr, nur nach Tippfehlern zu suchen. Du brauchst ein Verständnis dafür, wie moderne KI-Phishing-Kampagnen aufgebaut sind, welche Muster sie haben und welche Schutzmaßnahmen wirklich greifen.
In diesem Artikel bekommst du einen tiefen, praxisnahen Überblick: Wie KI-Phishing funktioniert, welche Angriffsarten gerade besonders häufig sind, warum klassische Tipps nur noch teilweise helfen und wie du dich privat wie beruflich deutlich besser absicherst.
Phishing ist im Kern Social Engineering: Menschen werden dazu gebracht, etwas zu tun, das ihnen schadet, zum Beispiel auf einen Link zu klicken, Daten einzugeben, einen Anhang zu öffnen oder eine Zahlung auszulösen. KI wirkt dabei wie ein Verstärker, weil sie drei Dinge massiv verbessert:
Die Folge: Viele Angriffe wirken nicht mehr wie eine anonyme Massenmail, sondern wie eine plausible, berufliche Alltagssituation. Und genau das macht sie gefährlich, selbst für Menschen, die sich sonst als vorsichtig einschätzen.
KI kann aus öffentlich verfügbaren Informationen schnell ein Profil ableiten: Jobrolle, Team, Projekte, Lieferanten, verwendete Tools, Vorgesetzte, Standorte, aktuelle Events. Daraus entstehen Nachrichten, die sich genau nach deinem Kontext anfühlen. Besonders kritisch ist das in Unternehmen, in denen Rollen und Zuständigkeiten auf Website, LinkedIn oder in Stellenausschreibungen klar erkennbar sind.
Angriffe scheiterten früher oft an unglaubwürdigen Formulierungen. KI generiert heute saubere, fehlerfreie Texte in perfektem Deutsch, inklusive Fachvokabular, Höflichkeitsformen und internen Prozessen. Das reduziert klassische Warnzeichen wie falsche Grammatik oder unpassende Anrede.
Viele Betrugsversuche sind keine Einbahnstraße mehr. Wenn du nachfragst, kommt eine überzeugende Antwort. Wenn du zögerst, wird Druck aufgebaut. Wenn du eine Alternative vorschlägst, wird die Story angepasst. Gerade im Chat oder am Telefon ist diese Echtzeit-Flexibilität entscheidend.
2026 ist Phishing längst nicht mehr nur E-Mail. Messenger, Kollaborationstools, SMS, QR-Codes, Telefon, Social Media und sogar Videoanrufe werden kombiniert. So entsteht ein glaubwürdiges Gesamtbild: Eine E-Mail kündigt etwas an, kurz danach kommt ein Teams-Chat, anschließend ein Anruf vom angeblichen Support.
Die meisten Kampagnen folgen einer Angriffskette. Wenn du diese Kette kennst, erkennst du verdächtige Situationen schneller, auch wenn die einzelne Nachricht perfekt wirkt.
Angreifer sammeln Informationen über die Zielorganisation und konkrete Personen. Das kann offen passieren (OSINT) oder über frühere Datenlecks. KI hilft dabei, große Datenmengen zu sortieren und daraus verwertbare Ansätze zu bauen: Wer ist für Rechnungen zuständig? Wer postet häufig über interne Projekte? Wer ist neu im Unternehmen?
Aus den Infos wird ein plausibles Szenario gebaut, zum Beispiel: “Neue Bankverbindung eines Lieferanten”, “dringender Vertragsanhang”, “Sicherheitsvorfall mit Passwort-Reset”, “Paket kann nicht zugestellt werden”, “E-Rechnung muss bestätigt werden”, “Teams-Zugriff muss erneuert werden”. KI generiert dazu passende Texte, Betreffzeilen, Gesprächsleitfäden und Varianten für Rückfragen.
Die erste Kontaktaufnahme wirkt oft harmlos. Der eigentliche Angriff kommt dann als nächster Schritt: ein Link, ein QR-Code, ein MFA-Code, eine Bitte um “kurz bestätigen”, ein Anhang oder die Aufforderung, ein Remote-Tool zu starten.
Hier entscheidet sich, ob der Angriff Erfolg hat: Eingabe von Login-Daten, Preisgabe eines Codes, Installation einer Software, Freigabe einer Zahlung oder Änderung von Stammdaten. Moderne Angriffe zielen häufig auf Identitäten, weil ein kompromittiertes Konto der perfekte Einstieg für weitere Schritte ist.
Nach dem ersten Zugang folgen oft Inbox-Regeln, Weiterleitungen, interne Phishing-Mails an Kolleginnen und Kollegen, Zugriff auf SharePoint/Drive, Abgreifen von Rechnungen und schließlich Zahlungsbetrug oder Erpressung. In Unternehmen ist “Business Email Compromise” (BEC) weiterhin besonders lukrativ, weil einzelne erfolgreiche Zahlungen enorme Summen bringen können.
Spear Phishing ist gezielt. BEC ist Spear Phishing mit Finanzbezug, etwa eine “dringende Überweisung” oder “geänderte Bankdaten”. KI hilft Angreifern, die Kommunikation wie eine echte Führungskraft oder ein echter Lieferant klingen zu lassen. Besonders gefährlich wird es, wenn echte E-Mail-Verläufe übernommen werden, zum Beispiel durch kompromittierte Konten oder geleakte Threads. Dann wirkt die Nachricht nicht wie ein Fremdkörper, sondern wie eine Fortsetzung eines realen Gesprächs.
Voice-Phishing über Telefon ist nicht neu. Neu ist, dass Stimmen geklont werden können. Wenn jemand kurze Audio-Schnipsel aus Videos, Sprachnachrichten oder Meetings hat, lässt sich eine Stimme oft so nachbilden, dass sie am Telefon überzeugend wirkt. Das betrifft nicht nur CEOs. Auch Teamleitungen, HR oder IT sind beliebte Rollen, weil sie Anweisungen geben dürfen.
Typische Ziele sind das Umgehen von internen Kontrollen, das Erzwingen von “schnellen Ausnahmen” oder das Herauslocken von Einmalcodes. Am Telefon funktioniert Druck besonders gut, weil Menschen ungern “nein” sagen, wenn eine vertraute Stimme schnell Hilfe verlangt.
Viele Unternehmen nutzen Teams, Slack oder ähnliche Plattformen. Diese Kanäle wirken intern und sicher, werden aber zunehmend missbraucht, etwa durch externe Kontakte, kompromittierte Konten oder täuschend ähnliche Display-Namen. KI sorgt dafür, dass Chat-Nachrichten kurz, plausibel und sehr dialogfähig sind.
Ein häufiger Trick ist der “Support-Chat”: Du bekommst eine Nachricht, dass es ein Problem gibt, und wirst dann zu einem Link oder zu einer “Sicherheitsprüfung” geleitet. Weil der Chat so alltäglich ist, sinkt die Hemmschwelle.
QR-Codes sind praktisch, aber schwer zu prüfen. Angreifer platzieren QR-Codes in Mails, auf angeblichen Briefen, an Aushängen oder sogar als Sticker über echten Codes. KI hilft, die begleitenden Texte sehr überzeugend zu formulieren, etwa “Scan zum Download der Rechnung” oder “Scan zur Bestätigung deiner Zustellung”. Nach dem Scan landest du auf einer gefälschten Login-Seite oder startest einen Download.
Immer häufiger werden Logins so angegriffen, dass keine klassische Passwortseite nötig ist. Stattdessen wirst du aufgefordert, einen Code einzugeben, um ein Gerät zu koppeln oder dich “schnell” anzumelden. Das wirkt seriös, weil es echte Login-Mechanismen nachahmt. In Kombination mit Stress und Zeitdruck geben Menschen solche Codes eher frei, als sie es bei einem Passwort tun würden.
Ein besonders fieses Muster ist das Fluten des Postfachs mit vielen Abos und Mails, sodass du in einer Inbox-Lawine landest. Kurz danach meldet sich ein angeblicher IT-Support und bietet Hilfe an. In der Hektik und Erleichterung lassen sich Menschen eher dazu bringen, ein Remote-Tool zu starten oder “kurz etwas zu bestätigen”. KI unterstützt hier vor allem bei Gesprächsführung, Einwänden und glaubwürdigen Erklärungen.
Angriffe setzen nicht immer auf Anänge mit Makros. Stattdessen kommen verschleierte Inhalte, eingebettete Dateien oder ungewöhnliche Dateiformate zum Einsatz. KI wird genutzt, um Code zu variieren, Erkennung zu erschweren oder Inhalte so zu verpacken, dass sie wie normale Geschäftsdokumente wirken. Für Betroffene sieht es dann nach einem Standardprozess aus, nicht nach einem Angriff.
Wenn Sprache keine Warnsignale mehr liefert, müssen andere Faktoren stärker in den Fokus. Diese Merkmale sind 2026 besonders hilfreich:
Viele erfolgreiche Angriffe beginnen nicht mit einer riesigen Forderung, sondern mit einer scheinbar kleinen Handlung: “Kannst du kurz bestätigen?”, “Bitte scanne den Code”, “Schick mir den Einmalcode, damit ich dein Konto entsperren kann.” Dringlichkeit soll dein Kontrollsystem ausschalten.
Wenn eine Anfrage plötzlich den Kanal wechselt, ist Vorsicht angesagt. Beispiel: Eine Mail fordert dich auf, in WhatsApp zu antworten. Oder ein Teams-Chat will, dass du privat deine Nummer teilst. Solche Wechsel sind typisch, weil Angreifer dich aus überwachten Umgebungen herausziehen wollen.
Ein Name, ein Logo oder sogar eine vertraute Stimme sind kein Beweis. Entscheidend ist, ob die Person ihre Identität über einen zweiten, unabhängigen Weg bestätigt. Gute Angriffe investieren in “Echtheitssignale”, die aber oft nur Dekoration sind.
KI imitiert Sprache gut, aber sie imitiert nicht automatisch eure internen Regeln. Wenn jemand dich bittet, eine Freigabe zu umgehen, eine Zahlung zu splitten, “ausnahmsweise” ohne Ticket zu handeln oder Sicherheitschecks zu überspringen, ist das ein starkes Signal.
Auch wenn Inhalte perfekt sind, stolpern Angreifer oft über Details: leicht abweichende Domains, ungewohnte Linkziele, neue Absenderadressen, minimal andere Schreibweisen, unerwartete Dateitypen oder Login-Seiten, die zwar gut aussehen, aber nicht zum echten Anbieter passen.
Privat wirst du oft über Banken, Paketdienste, Streaming, Steuer- oder Bezahldienste angesprochen. Diese Maßnahmen senken dein Risiko spürbar:
Ein einfacher, aber sehr wirksamer Grundsatz lautet: Wenn es um Geld, Zugangsdaten oder Identitätsdaten geht, darfst du dir immer Zeit nehmen. Seriöse Stellen bauen keinen Druck auf, der dich zu unüberlegten Handlungen zwingt.
Unternehmen sind attraktiv, weil ein kompromittiertes Konto schnell zu internen Systemen, Daten und Geldflüssen führt. 2026 ist der beste Schutz eine Kombination aus Technik, Prozessen und Training.
Klassische MFA ist besser als gar nichts, aber nicht jede MFA ist gleich stark. Push-Benachrichtigungen können durch Unaufmerksamkeit oder Druck bestätigt werden, Einmalcodes können abgegriffen werden. Phishing-resistente Verfahren wie Passkeys oder Hardware-Keys reduzieren das Risiko deutlich, weil sie an die echte Domain gebunden sind.
Viele Angriffe starten über E-Mail. Du solltest sicherstellen, dass Absenderauthentifizierung und Schutzmechanismen sauber konfiguriert sind. Zusätzlich hilft Domain-Monitoring, um täuschend ähnliche Domains früh zu erkennen, bevor sie in Kampagnen eingesetzt werden.
Der effektivste Hebel gegen BEC ist ein Prozess, der nicht “überredbar” ist. Wenn Bankdaten geändert werden oder neue Empfänger angelegt werden, sollte es immer eine zweite Bestätigung über einen unabhängigen Kanal geben, zum Beispiel Rückruf über eine bekannte Nummer aus dem ERP oder Lieferantenstamm, nicht über die Nummer aus der E-Mail.
Teams, Slack und ähnliche Systeme sollten so konfiguriert sein, dass externe Kontakte kontrolliert werden. Außerdem sollten Security-Teams Logins, ungewöhnliche Token-Aktivitäten, neue Geräte und verdächtige Nachrichtenmuster überwachen können.
Viele Awareness-Programme hängen noch an alten Beispielen. 2026 brauchst du Trainings, die Mehrkanal-Angriffe, realistische Texte, Chat-Szenarien, QR-Codes und “Support-Anrufe” einschließen. Wichtig ist dabei weniger “Schuld”, sondern das Einüben von Routinen: stoppen, prüfen, verifizieren.
Moderne Angriffe sind schnell. Deshalb sind Erkennung und Reaktion entscheidend: Alarme bei ungewöhnlichen Weiterleitungen im Postfach, bei neuen Inbox-Regeln, bei Massenanmeldungen, bei ungewöhnlichen Geo-Logins, bei schnellen Änderungen von MFA-Methoden oder bei verdächtigen OAuth-Apps, die Zugriff verlangen.
Du bekommst eine saubere Mail, die sich auf eine echte Bestellung bezieht. Ton und Signatur wirken korrekt. Die Mail bittet um eine Änderung der Bankverbindung “wegen Umstellung” und enthält ein PDF. Kurz danach kommt eine Chat-Nachricht: “Hast du das kurz gesehen? Zahlung ist heute fällig.”
So schützt du dich: Du behandelst jede Bankdatenänderung als Hochrisiko. Du nutzt eine Rückrufpflicht über eine bekannte Nummer aus eurem System. Du bestätigst Änderungen nie über Kontaktinformationen aus der E-Mail. Und du dokumentierst den Prozess, damit du im Zweifel nachweisen kannst, dass du sauber geprüft hast.
Dein Postfach wird plötzlich von Newsletter-Mails überrollt. Du bist gestresst. Dann ruft “IT” an und sagt, das sei ein Angriff, man müsse “sofort” handeln. Du sollst ein Tool starten, damit man “dein Konto bereinigt”.
So schützt du dich: Du legst auf und kontaktierst den Support über den offiziellen Weg, den du bereits kennst. Du startest kein Remote-Tool, nur weil jemand am Telefon es sagt. Und du gibst niemals MFA-Codes oder Bestätigungen weiter.
Du erhältst eine Nachricht, dass dein Konto wegen “Sicherheitsupdate” eingeschränkt ist. Um es wiederherzustellen, sollst du einen QR-Code scannen. Die Seite sieht aus wie der echte Anbieter, und der Text ist professionell.
So schützt du dich: Du öffnest die App oder gibst die Adresse selbst ein. Du scannst nicht aus der Nachricht heraus. Und du prüfst in Ruhe, ob es in deinem echten Konto eine Benachrichtigung gibt. Oft ist das nicht der Fall.
Wenn du nur wenige Dinge umsetzen willst, dann setze auf diese Routinen, weil sie in vielen Szenarien gleichzeitig wirken.
Entscheidend ist, wie schnell du reagierst. Diese Schritte sind in vielen Fällen sinnvoll, egal ob privat oder im Unternehmen:
Phishing ist nicht nur ein “IT-Problem”. Es betrifft Prozesse, Verantwortlichkeiten und Risikoentscheidungen. Gerade weil KI-Angriffe menschliche Routinen ausnutzen, braucht es klare, von der Führung getragene Regeln: Wer darf Zahlungen freigeben, welche Ausnahmen gibt es nicht, wie wird Identität verifiziert und welche Tools sind erlaubt?
Für viele Organisationen gilt außerdem: Wenn Meldepflichten und Sicherheitsanforderungen steigen, lohnt sich ein strukturiertes Vorgehen mit festen Rollen, regelmäßigen Übungen und nachvollziehbaren Maßnahmen. Damit schützt du nicht nur Systeme, sondern auch die Handlungsfähigkeit, wenn ein echter Vorfall eintritt.
Die Richtung ist klar: Angriffe werden noch dialogorientierter, mehrkanalig und stärker auf Identitäten ausgerichtet. Deepfakes werden im Audio-Bereich weiter an Qualität gewinnen, und Betrugsversuche werden häufiger “wie echte Arbeit” aussehen, zum Beispiel als Routineprozess, Ticket, Bestätigung oder Dokumentenworkflow. Gleichzeitig werden Schutzmechanismen besser, vor allem dort, wo Authentifizierung phishing-resistent wird und Systeme Kontext und Anomalien stärker bewerten.
Das wichtigste Mindset bleibt aber menschlich: Nicht alles, was plausibel klingt, ist wahr. Und gerade weil KI so überzeugend wirken kann, ist es 2026 ein Zeichen von Professionalität, sich Zeit zu nehmen, zu verifizieren und Prozesse einzuhalten.
Wenn du dir eine Sache mitnimmst: KI macht Phishing nicht unbesiegbar. Sie verschiebt nur die Erkennungsmerkmale. Wer Identitäten sauber prüft, starke Login-Methoden nutzt und klare Prozesse hat, nimmt Angreifern den wichtigsten Vorteil: den Moment, in dem Druck und Vertrauen dich zu einer schnellen Handlung verleiten.